Die zehn Mythen des Communitylebens

Mythos Nummer 1: Einer ist der Guru, oder?

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Einige Communities haben tatsächlich Anführer, vor allem die religiösen. Das ist bei denen so gedacht, das weiß man vorher.

Wenn der Neuankömmling bei einer anderen Community den Eindruck hat, den jeweiligen Anführer ausgemacht zu haben, kann das zwei Gründe haben. Entweder gibt jemand zu allem seinen Senf ab. Das heißt aber noch lange nicht, dass er damit auch Wortführer ist. Ein zweiter Grund können Gründungsmitglieder oder andere Alteingesessene sein, die natürlich mehr Wissen haben als ein Neuer. Wissen ist Macht. Wird dieses Wissen nicht offen weiter gegeben, kann es problematisch werden. Meist bilden sich in so einem Fall kleine Gruppen. Und da man ja nur in eine einzige Gruppe ziehen will, sollte man sich das mit dem Einzug nochmal überlegen.

Es gibt immer verschiedene Anführer für verschiedene Dinge. Der eine treibt die Parties voran, während der Zweiten das Gewächshaus sehr am Herzen liegt. Das ist auch durchaus gesund. Es gibt nämlich auch den anarchistischen Ansatz, früher auch "Tyrannei der Strukturlosigkeit" genannt. Wenn es keine klaren Strukturen und Aufgaben gibt, kann die Kommunikation zusammen brechen und damit das Vertrauen. Und das ist meistens das Ende einer Community.

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Mythos Nummer 2: Die Community kittet meine Beziehung

Eher nimmt man seine Beziehungsprobleme mit ins Grab als dass die Community sie mal schnell löst. Ein Leben in Gemeinschaft betont die Schwächen und Stärken eines jeden Mitglieds. Stimmt die Beziehung nicht mehr, kann und wird die Community nichts daran ändern. Im Gegenteil wird sehr schnell klar werden, was mit der Beziehung nicht stimmt.

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Mythos Nummer 3:Ihr esst nicht etwa Fleich oder raucht?

In einer Community leben völlig normale Leute. Manche rauchen, viele essen Fleisch. Wenn man damit nicht klar kommt, sollte man sich eine Nichtraucher-Veganer Community suchen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es in jeder Community Gewohnheiten gibt, die man sich anders wünscht. Die Frage ist, ob man selbst damit klarkommt. Denn eine "erst mal richtig aufräumen in dem Saustall" und die anderen ändern wollen ist nicht wirklich kompatibel mit einem gemeinsamen Leben. (Anmerkung der Schreiberling: Wollen wir uns die ersten drei Punkte nochmal durchlesen. Das liest sich wie ein Eheratgeber, oder?)

Mythos Nummer 4: Endlich kann ich meine kreative Ader ausleben...

Wenn die andere Arbeit erledigt ist, was wahrscheinlich nie der Fall ist, klar, dann ist auch dafür Zeit. Instandhaltung der alten englischen Häuser ist Sysiphosarbeit (oder auf englisch: is like painting the Forth Bridge gell, ein bisschen übersetzen kann ich doch). Wenn man ein Ass in Zeitmanagement ist und die zwei Tage Arbeit für die Community, den bezahlten Job und die Familie locker unter einen Hut bekommt, dann kann man mit dem Töpfern anfangen. Andererseits ist es wichtig, auch Zeit für sich selbst zu finden. Ansonsten wird man schnell ungnädig gegenüber der vielen Arbeit, die die Community einem auferlegt. (Da hätten wir dann das typische: "Für Euch habe ich alles aufgegeben!" Erinnert schon wieder an Ehe, oder?)

Mythos Nummer 5: Wie, gibt's hier keinen Babysitter?

Man kann nicht davon ausgehen, dass sich jetzt die anderen Eltern oder auch die Kinderlosen um die eigenen Kinder kümmern. Genauso wenig kann man seine Kinder einfach zu den anderen spielenden Kindern setzen und sie ihrem Schicksal überlassen. Noch viel weniger kann man davon ausgehen, dass sich der eigene Erziehungsstil mit dem der anderen Eltern deckt.

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Mythos Nummer 6: Auf zur Demo!

Es gibt Communities, die politisch aktiv sind. In vielen anderen wohnen einfach Leute, die halt ein bisschen öko sind. Nichtsdestotrotz sollte man sich bewusst sein, dass die Entscheidung für eine Community immer auch ein Statement für die Außenwelt darstellt.

Mythos Nummer 7: Communities sind nur ein Haufen alter Hippies

Klar, Hippies gibt's auch. Machen das Leben ja bunt. Aber wenn der Laden nicht anständig organisiert ist, fliegt er einem schnell um die Ohren. Und wenn man eine Community besuchen will, dann betritt man fremder Leute Heim. Dementsprechend muss man sich anmelden und den Regeln des Hauses folgen. Einfach mal klingeln und zelten wollen ist nicht gern gesehen. Würd' man in der Reihenhaussiedlung schließlich auch nicht machen.

Mythos Nummer 8: Alle schlafen im Gemeinschaftsbett

Jetzt mal alle kurz nachdenken: Wenn ich mit anderen Leute zusammenlebe und das auch in Zukunft zu tun gedenke, gehe ich dann immer mal wieder mit denen ins Bett? Das ist doch etwa so riskant wie mit dem eigenen Chef 'ne Affäre anzufangen (schlechtes Beispiel, das soll's ja ständig geben) Ich kenne eine, die hatte was mit jemandem in derselben Community. Irgendwann ging's in die Brüche, anschließend hat er seine Neue immer mitgebracht. Und sie hat ein Jahr gelitten, bis er ausgezogen ist. Richtig, das will man nicht, und darum macht man das nicht.

Mythos Nummer 9: Ums Geld muss ich mich jetzt nicht mehr kümmern, richtig?

Schön wär's. Bei vielen Communities braucht man erstmal eine Stange Geld, um überhaupt reinzukommen. Wenn man sich seine Wohnung kauft, kann die für vier Leute teilweise 240.000 Pfund kosten. In so einem Fall muss man über Jahre die Hypothek bedienen. Aber auch wenn man mietet, muss man arbeiten, um seine Ausgaben bezahlen zu können. Das Leben in einer Community ist billiger als im Einfamilienhaus, aber es ist nicht umsonst. Darüber hinaus kann man nur schwer Vollzeit arbeiten, da meistens zwei Tage Arbeit für die Community erwartet werden. Neben den eigenen Finanzen sollte man sich auch immer darum kümmern, wie es der Community als Ganzes geht.

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Mythos Nummer 10: Endlich bekomme ich ständige emotionale Unterstützung

Und damit verpufft auch die letzte Illusion. Wer eine Therapie braucht, sollte eine machen oder sich eine Community suchen, die ihren Fokus darauf legt. Damit das Leben in einer Community klappt, müssen die Mitglieder starke Persönlichkeiten sein, die sich ihrer eigenen Wünsche klar sind und die sie klar darlegen können. Das heißt nicht, dass jeder in einer Community perfekt ist und nie einen schlechten Tag hat. Aber wenn man weiß, dass man mehr als die gelegentliche Umarmung braucht, ist die Community nicht der Ort der Wahl. Alle anderen haben auch ihr Leben, und können und wollen sich nicht ständig kümmern. Als Single kann man sich in einer Community mit vielen Pärchen alleine fühlen, wenn man sich nicht selbst ein eigenes Leben aufbaut. Auf der anderen Seite gibt es in einer Community ständig Unternehmungen. So muss man nie wieder allein ins Kino (es sei denn, man besteht ausdrücklich darauf).