Könnt auch mal jemand nach meiner Pfeife tanzen?

Nichtsahnend habe ich Aeneas zur Schule gebracht. Da wir zu früh da waren, haben wir uns die Zeit mit Fußball spielen vertrödelt. Den Ball hatten wir irgendwo auf dem Schulhof gefunden. Andere Kinder haben auch gekickt, Leander hat vom Kinderwagen aus den Fan gemimt und vor Begeisterung alles aus dem Wagen geworfen: Schnuller, Mütze, Trinkflasche, Auto, Schuhe, Decke, was man halt so dabei hat. Ein heiteres Treiben also morgens kurz vor neun. Dann nahm ich vage einen Pfiff wahr und hab nicht weiter drüber nachgedacht. Im Berliner Kinderladen hätte das gehießen, dass eines der Kinder eine Trillerpfeife dabei hat. Nicht so in England. In Windeseile rückten die anderen Kinder ihre Uniformen zurecht, schnappten sich ihre uniformierten Schultaschen und rannten los. Die Eltern hinterher.

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Ich wusste gar nicht, was grad Phase war. Vor allem wusste ich nicht, wo denn eigentlich Aeneas war. Da rief's: "Mama schnell, Mrs. Cole hat gepfiffen. Jetzt komm!" Plötzlich hab ich mich gefühlt, wie Aeneas sich wahrscheinlich oft fühlt. Keinen Plan von nix. Darum hätt ich gern mal "Warum?" gefragt. Ein Blick in Aeneas' bettelnde, entnervte Augen machte mir klar, dass jetzt nicht die Zeit des in-Frage-stellens war, sondern des Folge-leistens. Also habe ich schnell den Fußball weggekickt, den ganzen Kinderwagenkram vom Boden zusammen gesammelt und zurück zu Leander geschmissen und bin zu meinem vierjährigen Sohn geeilt. Der war kurz davor, streng erwartungsvoll mit dem Fuß zu tippen. Hätte er 'ne Armbanduhr, er hätt in diesem Moment mit dem Zeigefiger drauf getippt, ich schwör's. Als ich dann mit leicht erhöhtem Puls neben ihm stand, bot sich mir ein merkwürdiges Bild: Kleine artige Kinder, daneben jeweils ein ebenfall artig schweigender Elternteil in einer Schlange, gekrönt von Lehrerin Mrs. Cole mit der Trillerpfeife im Mund. Moment mal, die pfeift hier die Kinder zum Unterricht ran? Und äh, mich auch? Schon mal was von Augenhöhe gehört?

Weiter sinnieren konnte ich nicht, weil sich der Tross in Bewegung setzte. Leander wollte das Zeug nicht im Kinderwagen haben und schmiss alles wieder raus. Ich alles wieder rein, als ich von Aeneas Schelte einstecken musste, was denn da schon wieder so lange dauert. "Mama, die anderen sind schon viel weiter vorne. Jetzt komm doch mal. MAMA!" Da ich immer noch nicht wusste, was genau wir eigentlich in dieser Schlange machen und mehr auf Leanders Rausschmeißspiel als auf die anderen Eltern geachtet habe, hatte ich nicht die notwendigen Vorbereitungen getroffen. Denn kaum ging's um die Ecke, musste ich in Windeseile den Kinderwagen parken, den angeschnallten Leander rausfriemeln und ins Klassenzimmer hetzen. Und das natürlich alles, ohne die Schlange noch weiter aufzuhalten. Im Vorbeigehen also. Die Eltern vor mir haben das richtig elegant hinbekommen. Mir hingegen war jetzt ziemlich warm.

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In meiner Verzweiflung habe ich den Kinderwagen vor einer Klassentür geparkt. Da kam auch gleich ein höflicher Lehrer, der vorschlug:"You might want to consider leaving the buggy somewhere else." Hömma, was redet der um den heißen Brei herum? Soll der Wagen weg? Echt jetzt, selbst in Momenten höchster Eile behalten die ihre Verschachtelungs-Höflichkeit. Ein schneller Piff, dann wuppt das. "MAMA, Mann, ey! Jetzt komm ENDLICH!" Den immer noch angeschnallten Leander also inklusive aller Arme und Beine aus dem Buggy gezerrt, Buggy schnell woanders hingepfeffert und weiter ging's. Schultasche ins Fach, zum Flur, Jacke ausziehen und aufhängen, wieder ins Klassenzimmer, alles voll mit Eltern und kurzen Kindern, überall ob der Enge "excuse me", "sorry". Also jetzt war mir richtig heiß. Vor allem, weil Leander sich vom Arm aus zu Boden stürzen wollte. Kam mir ganz recht, die Hitze und überhaupt.

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Nun gibt es Eltern, die ihre Kinder ungern vom Arm lassen, weil die dann abhauen und dann muss man sie suchen und der ganze Stress. Das ist bei uns einfacher: Wenn man Leander auf den Boden setzt, dann bleibt er da sitzen. Wir sind da gemütlicher veranlagt. War bei Aeneas als Baby auch so. Ich freute mich also auf einen Moment der Ruhe mit dem sitzenden Leander als Fels in der Brandung. Außerdem wollte ich doch mal den Sinn des Unterfangens hier ergründen. Aeneas hatte eh alles alleine gemacht, ich bin bei allen Schritten nur hinterher gewetzt und hab ein paar kurze Kinder umgenietet, weil mir Leander vor'm Sichtfeld rumturnte. Hätt ich mir auch sparen können, den Stress. "Und jetzt schups ich Dich raus, Mami. MAMI!!! Was, wie? Herrje, alle anderen Eltern samt Babies schon wieder draußen. Wenigstens hatte sich Leander nicht vom Fleck bewegt. Kaum hatte ich ihn wieder auf dem Arm, schupste Aeneas mich raus. Für die Dauer eines halben Kolibrischlags hat er gewunken, dann hab ich ihn nur noch von hinten gesehen.

Nun stand ich also alleine vor der Tür. Und konnt's nicht fassen: Mein Kind, der für jedes Schuhe anziehen eine halbe Ewigkeit braucht, weil er seine Umwelt in der Zwischenzeit in Grund und Boden sabbelt und vorher aber noch die Notwendigkeit des Schuheanziehens besprechen will, der kleene Revoluzzer lässt sich hier drillen und geht voll drin auf? Würd ich rauchen, wär jetzt der Moment für eine Zigarette gekommen.

07-11-26-05
Auf dem Weg nach Hause hab ich viel nachgedacht über Pfeifen, stramm stehen und viktorianische Pädagogik und Persönlichkeitsentfaltung, Augenhöhe und Erziehen zum kritischen Hinterfragen. Sehr weit bin ich nicht gekommen, außer der Fantasie, dass ich auch gern mal Mrs. Cole wäre und alle tanzen nach meiner Pfeife. In Windeseile. Zack zack. Ohne warum, sondern weil ich die Pfeife habe. Basta. Das hat noch nicht wirklich funktioniert. Wohl aber meinte Aeneas vor kurzem nach dem Baden, dass sich jetzt mal alle Kinder (also er und Leander) vor der Badezimmertür in der Schlange anstellen. Warum? "Weil das doch praktisch ist. Guck, dann weißt du gleich, wer als erster rausgeht. Das ist dann nicht so unordentlich." Uiuiui, vielleicht doch noch einen Schuss Hinterfragen dazu?