Übernachten im Pferdestall

07-11-06-05
Ich habe an einem Wochenendkurs über das Leben in Communities teilgenommen. Für wen eignet sich das Leben in Gemeinschaft? Worauf muss man achten, damit die Community ein Erfolg wird? Wie verdient man sein Geld? Natürlich fand der Kurs in einer Community statt. Wir Teilnehmer waren im Pferdestall untergebracht. Jetzt hör' ich grad manch Gehirn rattern: Ein bisschen naturverbunden ist ja ganz nett, aber irgendwo ist schließlich Schluss! Die können doch nicht allen Ernstes erwachsene Menschen in einen Pferdestall zum Übernachten stecken? Und die Teilnehmer machen das auch noch mit? Ja, ist denn das 'ne Sekte?

07-11-06-03
Nö. Weder musste ich mich mit schnarchenden Pferden arrangieren noch morgens das Stroh aus den Haaren puhlen. Die Boxen waren zu Schlafkajüten umgebaut und verdeutlichen, was ich an dieser Art Community so mag.

Man kann in diesen Ställen ganz toll schlafen. Sie sind mit Annehmlichkeiten wie Bett, Nachttischchen, Lampe, Teppich, Kleiderhaken und WLAN ausgestattet. Also schön nah an der Natur, aber doch nicht so ganz mittendrin. Meine bevorzugten Communities benutzen Solar- und andere Formen erneuerbarer Energie, die funktionieren. Ich kann also mein 21. Jahrhundert-Leben ohne Einschränkung leben. (Kein: Sorry, mit der Dusche musst Du Dich noch ein paar Tage gedulden. Warmes Wasser gibt's erst beim nächsten Sturm, wenn das Windrad sich ordentlich dreht. Solche Communities gibt es auch, und das nicht zu knapp. Hut ab vor den Pionieren.)

Zweitens gefällt mir der Pragmatismus: "Wir haben da Ställe. Wär schade, die abzureißen. Da könnten wir auch Leute unterbringen. Wäre echt billiger und weniger aufwändig als einzelne Zimmer. Die sollen ja nicht ihr ganzes Leben im Stall leben, aber für ein Wochenende ist das vielleicht ganz nett."

07-11-06-01
Der dritte Aspekt ist für mich der Charme. Der Boden des Stalls ist nicht eurogenormt, sondern so abschüssig, dass ich nicht wusste, wohin mit meiner Teetasse. Und als ich nachts mal zur Toilette wollte, musste ich ziemlich lange an der Stalltür fummeln. Logisch, denn das Pferd sollte die ja auch nicht einfach aufbekommen. Also kurz im Halbschlaf den halben Arm durch die Gitterstäbe und das Teil von außen aufgepopelt. Mit einer IKEA-Tür würd das nicht passieren. Oder vielleicht doch? Ist ja auch egal. Charmanter ist 'ne Stalltür. Außerdem sind wir morgens vom Stall zum Haupthaus durch diesen Nebel zum Haupthaus gelaufen.

07-11-06-04
Was ich gelernt habe? Man kann in Tipis, Schlössern, Hightech-Erdlöchern, mit Veganern, mit Fleichessern, mit Ideologie oder ohne glücklich werden, solange jedes Mitglied gleichberechtigt ist. Und da wird's frickelig. Das ist wie in einer Ehe. Klar geht man davon aus, dass man sich immer liebt. Aber nur für den Fall, dass man sich nach kurzer Zeit über jeden Kochlöffel zankt, sollte die rosarote Brille kurz zur Seite und eine Community auf vernünftige legale Füße gestellt werden. Mindestens genauso wichtig ist ein konstruktives Konfliktmanagement. Denn wenn die Community ihre unweigerlich auftretenden Konflikte für alle Beteiligten befriedigend lösen kann, muss sie auch nicht auf ihre rechtlichen Mittel zurückgreifen. Sag ich ja, wie eine Ehe.

07-11-06-02
Mir fällt grad auf, dass die letzten drei Einträge immer mit einem Tier zu hatten. Jetzt hätten wir noch Hühner, Gänse und Schafe (und die gelegentliche Ratte, aber wer will denn sowas wissen?). Da ich von keiner dieser Tierarten den Dunst vom Schimmer einer Ahnung habe, geht der nächste Eintrag über die "10 Mythen des Lebens in einer Community." Die haben mich schnell in der Wirklichkeit ankommen lassen. Aber ein bisschen Landromantik light funktioniert schon in Communities. Und dass im Heu schlafen widerlich pieksig ist, habe ich wahrscheinlich schon als Kind geahnt.